Alle Beiträge von Stephan Liebich

La Traviata von Verdi an den Landesbühnen Sachsen

Als Giuseppe Verdi 1853 für Venedig eine Oper plante, fiel ihm das Drama von Alexandre Dumas (Sohn) nach dessen Roman «La Dame aux camélias» in die Hände, in dem der französische Autor das Schicksal einer intimen Bekannten, der Pariser Edelkurtisane Marie Duplessis, thematisiert hatte, die 1847 mit 23 Jahren an Schwindsucht gestorben war.

Die Idee, eine Gegenwartsoper zu schreiben – einfach und voller Leidenschaft – faszinierte Verdi sofort und er komponierte mit «Amore e morte» («Liebe und Tod»), wie der Titel ursprünglich lauten sollte, ein psychologisch tief empfundenes Werk, das – angesiedelt zwischen überhastetem Lebensgenuss und fahler Todesstimmung – der italienischen Oper völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten erschließen half.

Im Mittelpunkt des Melodrammas steht Violetta, eine Außenseiterin der Gesellschaft, eine lebenshungrige junge Frau, die im vergnügungssüchtigen Paris ihr Geld als Halbweltdame verdienen muss, auch wenn sie damit ihr Leben, ihre Gesundheit ruiniert.

Die heftige Liebe, die ihr der junge Alfredo aus gutbürgerlichem Hause entgegenbringt, scheint die Rettung. Mit ihm zusammen hofft sie auf einen biografischen Neubeginn, doch Alfredos Vater fordert Violetta hinter dem Rücken seines Sohnes auf, aus moralischen Gründen auf die unstandesgemäße Beziehung zu verzichten. Diese Kernszene des Dramas, das komplexeste Duett, das Verdi bis dahin komponiert hatte, führt in die Tragödie: Mit ihrem Abschiedsbrief an Alfredo unterschreibt Violetta ihr Todesurteil …

Der letzte Tanz, Gasthof Reichenberg

Der Gasthof Reichenberg erlebte am Wochenende seinen letzten Tanz im alten Gebäude…

Den Gasthof Reichenberg gibt es schon seit 400 Jahren. Es hat Besitzer kommen und wieder gehen sehen. Die ersten waren im Hauptberuf Landwirt und besserten mit dem Verkochen ihrer Rüben zu Rüblisuppe ihr Einkommen. Wenn es einer schaffte, das Schank- oder noch besser, das Braurecht zu erwerben, dann war er schon ein gemachter Mann. Und baute an. Zum Beispiel ein Gesellschaftszimmer für Hochzeiten und Kindstaufen. Oder einen Saal für Faschingsfeiern. Wieso ich Ihnen das erzähle? Dann werfen Sie mal einen Blick auf das 1947 entstandene Sgraffito von Hermann Glöckner über dem Eingang des Gasthofs Reichenberg. Da müssen sie sich allerdings beeilen.
Damit ist seit dem vergangenen Samstag endgültig Schluss. Dabei hätten wir heute genug zu Beißen. Ein letzte Mal wurde noch gesungen im Reichenberger Gasthof. Schließlich war die einstige Bühne vor Urzeiten extra verlängert worden, damit der Männerchor Platz hatte. Heute waren es etwas weniger, dafür sang einer der neuen Bauherren – Hendrik Fuchs – mit, von Mathias Jung, dem Leiter des Sächsischen Vocalensembles, dirigiert.

Danach hatten Hendrik Fuchs und Helge Harzdorf, die Bauherren des neuen Baus, der aber kein Gasthof mehr sein wird, zum letzten Tanz eingeladen. Die Reichenberger ließen sich nicht lange bitten und ließen es zu den Oldies but Goodies der Dresdner Band “Die Nierentische” nur so krachen.

Auch geredet wurde. Bei solchen Gelegenheiten ist das passenderweise ein Bürgermeister. Weil Reichenberg keinen eigenen mehr hat, sprach der Moritzburger Jörg Hänisch. Und weil hier so eine Art Beerdigung gefeiert wurde, kam auch ein Pfarrer zu Wort: Freimut Lüdeking verglich das Gebäude tatsächlich mit einem Verstorbenen, von dem es Abschied zu nehmen gelte. Damit gab er dem anschließenden Leichenschmaus seinen Segen. Der war, wie es sich bei reichen Bauern gehört, spendiert: Auf eine Grundlage von 150 Steaks kamen wahre Ströme von Radebeuler Kötzsch oben drauf. Wir sprachen am Rande mit der Gastwirtstochter.
Und was kommt jetzt? Oh, wollen wir das wirklich wissen? Sicher ist nur eines: Bevor die kläglichen Reste des Reichenberger Gasthofs als Füllmaterial einer Bauschuttdeponie enden, wird das Sgraffito über dem Eingang gerettet. Wir sprachen mit dem Denkmalschützer darüber.
Hoffen wir, dass der Zeitzeuge den Transport gut übersteht. Vielleicht sehen wir ihn ja irgendwo, irgendwann wieder, damit er uns den einen oder anderen Schwank aus dem langen Leben des Reichenberger Gasthofs erzählen kann. Alles andere wäre zu schade.