Der letzte Tanz, Gasthof Reichenberg

Der Gasthof Reichenberg erlebte am Wochenende seinen letzten Tanz im alten Gebäude…

Den Gasthof Reichenberg gibt es schon seit 400 Jahren. Es hat Besitzer kommen und wieder gehen sehen. Die ersten waren im Hauptberuf Landwirt und besserten mit dem Verkochen ihrer Rüben zu Rüblisuppe ihr Einkommen. Wenn es einer schaffte, das Schank- oder noch besser, das Braurecht zu erwerben, dann war er schon ein gemachter Mann. Und baute an. Zum Beispiel ein Gesellschaftszimmer für Hochzeiten und Kindstaufen. Oder einen Saal für Faschingsfeiern. Wieso ich Ihnen das erzähle? Dann werfen Sie mal einen Blick auf das 1947 entstandene Sgraffito von Hermann Glöckner über dem Eingang des Gasthofs Reichenberg. Da müssen sie sich allerdings beeilen.
Damit ist seit dem vergangenen Samstag endgültig Schluss. Dabei hätten wir heute genug zu Beißen. Ein letzte Mal wurde noch gesungen im Reichenberger Gasthof. Schließlich war die einstige Bühne vor Urzeiten extra verlängert worden, damit der Männerchor Platz hatte. Heute waren es etwas weniger, dafür sang einer der neuen Bauherren – Hendrik Fuchs – mit, von Mathias Jung, dem Leiter des Sächsischen Vocalensembles, dirigiert.

Danach hatten Hendrik Fuchs und Helge Harzdorf, die Bauherren des neuen Baus, der aber kein Gasthof mehr sein wird, zum letzten Tanz eingeladen. Die Reichenberger ließen sich nicht lange bitten und ließen es zu den Oldies but Goodies der Dresdner Band “Die Nierentische” nur so krachen.

Auch geredet wurde. Bei solchen Gelegenheiten ist das passenderweise ein Bürgermeister. Weil Reichenberg keinen eigenen mehr hat, sprach der Moritzburger Jörg Hänisch. Und weil hier so eine Art Beerdigung gefeiert wurde, kam auch ein Pfarrer zu Wort: Freimut Lüdeking verglich das Gebäude tatsächlich mit einem Verstorbenen, von dem es Abschied zu nehmen gelte. Damit gab er dem anschließenden Leichenschmaus seinen Segen. Der war, wie es sich bei reichen Bauern gehört, spendiert: Auf eine Grundlage von 150 Steaks kamen wahre Ströme von Radebeuler Kötzsch oben drauf. Wir sprachen am Rande mit der Gastwirtstochter.
Und was kommt jetzt? Oh, wollen wir das wirklich wissen? Sicher ist nur eines: Bevor die kläglichen Reste des Reichenberger Gasthofs als Füllmaterial einer Bauschuttdeponie enden, wird das Sgraffito über dem Eingang gerettet. Wir sprachen mit dem Denkmalschützer darüber.
Hoffen wir, dass der Zeitzeuge den Transport gut übersteht. Vielleicht sehen wir ihn ja irgendwo, irgendwann wieder, damit er uns den einen oder anderen Schwank aus dem langen Leben des Reichenberger Gasthofs erzählen kann. Alles andere wäre zu schade.